„Summit to Sea“ – Die harte Wahrheit hinter den Erwartungen
Ein 600 Kilometer langes Bikepacking-Abenteuer von den österreichischen Alpen nach Split in Kroatien
Text und Fotos von Luca Jaenichen
Von den Bergen bis zum Meer. Etwa 600 Kilometer und 10.000 Höhenmeter trennen uns von unserem Ziel. Split, Kroatien – eine Küstenstadt im unteren mittleren Teil eines weitläufigen, zerklüfteten und hügeligen Landes. Wenn du nach Kroatien suchst, findest du immer Bilder von türkisfarbenen Stränden, die zwischen mediterranen Klippen liegen, und Fotos von wunderschönen mittelalterlichen Städtchen direkt am Meer. Aber wir wollten uns selbst ein Bild davon machen, was dieses Land wirklich ausmacht. Um das herauszufinden, sind wir auf unsere bewährten Gravelbikes gestiegen, haben viel zu viele Snacks eingepackt und sind Richtung Süden gefahren. Zunächst fuhren wir mit ein paar Zügen nach Villach in Österreich. Unsere Idee war es, die Teile der Alpen, die wir bereits kannten, auszulassen und diese Kilometer stattdessen für den unbekannten Abschnitt am Ende der Reise aufzuheben.

Für mich dreht sich beim Bikepacking alles ums Entdecken – nicht nur die Landschaft, neue Routen und unberührtes Gelände, sondern auch das Kennenlernen der Kultur, der Menschen und nicht zuletzt von sich selbst. Meiner Erfahrung nach folgt das Verhältnis zwischen der Zeit im Sattel und der Bereitschaft, neue Kontakte zu knüpfen, einer exponentiellen Kurve. Am Anfang versucht man immer, seine eigenen Sachen zusammenzuhalten – darauf zu achten, dass keine Taschen herunterfallen, die Strecke im Auge zu behalten und genug zu essen und zu trinken. Man ist mehr auf sich selbst konzentriert. Mit der Zeit gewöhnt man sich an das Leben da draußen und kann sich immer mehr öffnen. Wenn du alleine oder in einer kleinen Gruppe unterwegs bist, scheint neuer Kontakt unvermeidlich – und notwendig –, um nach ein paar Tagen nicht den Verstand zu verlieren. Bei manchen Leuten mehr als bei anderen. Da wir uns mitten in der ersten Phase der oben beschriebenen Theorie befanden, machten wir uns auf den Weg über die Hügel und durch die Täler Kärntens in Richtung Tarvisio.
Auf einem wunderbar ebenen Radweg folgten meine Freundin Cara und ich einer Strecke, die wie eine alte Bahntrasse aussah. Alte, verwilderte Bahnhöfe und marode Infrastruktur säumten die Strecke, während wir bergauf fuhren. Eine erste Herausforderung tauchte auf, als wir merkten, dass wir vergessen haben, ein Fahrradschloss mitzunehmen. Nachdem wir uns in einem Fahrradladen im letzten kleinen Dorf umgehört hatten, konnte uns der Besitzer nur ein großes, schweres Modell anbieten, das wir freundlich ablehnten. In einem kleinen Anflug von Inspiration schauten wir im örtlichen Laden vorbei und fanden ein kleines Schloss, das genau passte. Entlang eines blau schimmernden Flusses kämpften wir uns den Weg hinauf zum Passo di Predil. Vorbei an alten Bergbaudörfern und Kriegsbunkern nahmen unsere Beine den ersten größeren Anstieg in Angriff. Wir erreichten die Grenze zu Slowenien und fuhren den ganzen Weg bis nach Bovec hinunter. Ein kurzer Stopp im Supermarkt und dann eine gemütliche Nacht im Zelt. Ich hatte einen 7 °C Spark Down Daunenschlafsack dabei, und in dieser Nacht hatte ich meine Wahl der Temperaturangabe ein wenig hinterfragt – obwohl diese Nacht ja als eine der kältesten der Reise geplant war. Cara hat die -1 °C-Version mitgebracht und fand sie bequemer.

Nach einem frischen Croissant am Morgen radelten wir am Fluss Soča entlang, dessen tiefblaue Farbe uns wie ein Magnet zu seinem fließenden Wasser zog. Ein kurzes Bad, und schon ging es los – wir kämpften uns durch die unerträgliche Mittagshitze. Leider hatten wir diesmal keine Zeit, den Nationalpark ausgiebig zu erkunden.

Je weiter wir fuhren, desto seltener wurden die Supermärkte und desto weiter lagen die Dörfer auseinander. Irgendwann waren wir tief in Slowenien, in einer Gegend, die sich wie der ländlichste Winkel des Landes anfühlte – und zwar ein wunderschöner dazu. Selbst rund um die abgelegensten Bauernhöfe gibt es etwas, das auf stille Weise reizvoll ist. Den ganzen Tag über weichten wir den großen Gewitterwolken aus, die sich an den Hängen zusammenbrauten, und im schwindenden Licht leuchteten sie hellrosa und orange, als wir kurz nach Einbruch der Dunkelheit am Campingplatz ankamen. Wir hatten vorher beim Campingplatz angerufen, um sicherzugehen, dass er geöffnet war und noch Plätze frei waren – es war zwar noch Nebensaison, aber man weiß ja nie. Der Mann hatte uns gesagt, er würde da sein, aber als wir ankamen, war die Rezeption schon dunkel.
Am nächsten Morgen versuchten wir erneut, ihn zu erreichen, allerdings ohne Erfolg, und da weit und breit kein Personal zu sehen war, beschlossen wir, loszufahren und unseren Tag zu beginnen. Da wir am dritten Tag nach Kroatien weiterreisen wollten, machten wir in Ljubljana nur einen kurzen Stopp für Pfannkuchen. Unsere müden Beine fanden langsam ihren Rhythmus und trugen uns durch die sanften Hügel der slowenischen Landschaft. Was wir nicht erwartet hatten, war eine wirklich gute Fahrradinfrastruktur, sogar in den kleinsten Dörfern. Eine Mischung aus wunderschönen grünen Wäldern und ländlichen Weilern zog an uns vorbei. Was für ein wunderschönes Land. Das hatten wir von den Nationalparks erwartet, waren aber von allem dazwischen positiv überrascht.

Mit unseren letzten Kraftreserven und im letzten Tageslicht kamen wir in dem Grenzdorf an, in dem wir übernachten wollen. Wir hatten den Campingplatz vor unserer Ankunft angerufen, und der Besitzer lud uns freundlich ein, uns schon einmal einzurichten und erst am nächsten Morgen zu bezahlen. „Wir haben niemanden erwartet – es ist ja noch Nebensaison“, sagte er. Als wir im Dunkeln ankamen, suchten wir uns einen Platz auf der Wiese in der Nähe des Grenzflusses. Plötzlich kam eine ältere Dame auf uns zu und fragte, was wir hier machen. Wir erklärten ihr, dass wir mit, ihrem Mann, telefoniert hatten und dass wir einfach nur hier übernachten wollten. Ihr Englisch war begrenzt und sie wirkte leicht verwirrt. „Brauchst ihr Strom?“, fragte sie. Langsam dämmerte es uns: Es gibt zwei Campingplätze nebeneinander und wir sind auf dem falschen gelandet – anscheinend auf dem, der die schlechten Google-Bewertungen hat. Kurz darauf kamen wir an der Stelle weiter die Straße hinunter an und fanden uns in einer kleinen Oase aus kreativen, handgeschnitzten Holzbauwerken wieder. Wir verbrachten unseren letzten Abend in Slowenien und fragten uns, was wohl auf der anderen Seite des Flusses lag.

Das allererste am Morgen? Ein Croissant, natürlich. Wir beschlossen, die Grenze zu überqueren und zu einem kleinen kroatischen Supermarkt zu fahren, anstatt wieder bergauf zur slowenischen Bäckerei zu radeln. Im Nachhinein betrachtet die schlechteste Wahl, die man treffen konnte. Der Shop an der Tankstelle entpuppte sich als die letzte Möglichkeit, sich einen halben Tag lang mit Essen zu versorgen. Die Auswahl beschränkte sich auf das Allernötigste, also entschieden wir uns für ein paar aggressiv süße, abgepackte Schokoladencroissants, die so schmecken, als stünden sie schon seit dem EU-Referendum im Regal. Die Strecke schlängelte sich durch dünn besiedelte Landschaft, und je weiter wir uns von der Hauptstraße nach Norden entfernten, desto schlechter wurde die Infrastruktur. Irgendwann ging die offizielle Straße in einen Schotterweg über, und aus den Dörfern wurden Geisterorte.

„Finanziert von der Europäischen Union.“ Hin und wieder tauchte mitten im Nirgendwo ein neues Schild mit der EU-Flagge auf – es warb für neue Wälder und das EU-Radwegenetz. Ein lustiger Anblick, der nur noch dadurch übertroffen wurde, dass uns ein GLS-Lieferwagen fast von der Straße gedrängt hätte. Hier wohnen also offenbar doch Leute. Ein paar Kilometer weiter kamen wir an einem kleinen Bauernhof vorbei. Drei Hunde bellten uns hinter ihrem Zaun an. Dann ein plötzlicher Schrei von Cara hinter mir – ich drehte mich um und sehe eine Meute von Hunden, die in voller Angriffslaune auf uns zustürmen. Mit schwer beladenen Rädern auf einem steilen Schotteranstieg gaben wir alles, um davonzukommen. Sie folgten uns bis zum Gipfel des Anstiegs, bevor sie schließlich aufgaben. Schwer atmend fuhren wir weiter auf dem mittlerweile überwucherten Feldweg. Nach zwei weiteren Verfolgungsjagden mit Hunden rasten wir den Schotterweg hinunter in ein breiteres Tal und gelangten zu einem kleinen Flussparadies – einer Gruppe kleiner Wasserfälle, die sich zwischen grünem Moos und Farnen hinunterschlängelten, ein paar Holzboote, die am kleinen Strand lagen, und im Hintergrund die Umrisse einer alten Mühle. Ein Chor aus Fröschen begleitete uns, während wir uns ausruhten. Es zog eine Gewitterwolke auf, also beeilten wir uns, weiterzufahren. Als ich mein Fahrrad nahm, bemerkte ich, dass der Reifen platt war. Ich reparierte ihn schnell im langen Flussgras – und war ein wenig erstaunt darüber, wie schnell das zur Routine geworden ist. Da der Reifendruck immer noch nicht ganz optimal war, fuhren wir bergauf zu einem Straßenrestaurant neben einer stark befahrenen Lkw-Straße.
Nach dem Essen kehrten wir auf die Hauptstraße zurück. Da wir von den ruhigen Nebenstraßen Sloweniens verwöhnt waren, merkten wir schnell, dass kroatische Autofahrer nicht an Radfahrer gewöhnt waren – oder sich einfach nicht darum scherten. Vierzig-Tonnen-Laster fahren nur wenige Zentimeter an uns vorbei und hätten uns fast überrollt. Bei ständigem Hupen und einer wachsenden Angst, Teil einer Windschutzscheibe zu werden, nahmen wir die nächste Ausfahrt zurück auf den Schotterweg. Das war anscheinend das gute Radwegenetz, das uns das Schild versprochen hat. Nach einer weiteren Stunde führte uns die Straße wieder auf die Autobahn zurück, und uns bleibt nichts anderes übrig, als noch zehn Kilometer Verkehr zu ertragen. Wir kamen sichtlich erschüttert am Rande des Nationalparks Plitvice an. Lkw sind hier verboten und müssen eine Umleitung durch Bosnien und Herzegowina nehmen, daher waren die letzten fünf Kilometer eine echte Erleichterung. Das Gewitter holte uns schließlich ein und wir beschlossen, statt des Zeltes eine kleine Hütte zu nehmen – eine gute Entscheidung.
Kaum hatten wir unsere Fahrräder abgestellt, fing es an zu regnen. Wir starteten den Tag mit einem frischen Croissant aus dem Laden auf dem Campingplatz. Alles war noch nass von den Gewittern der letzten Nacht, und die sich langsam erwärmende Luft duftete nach frisch gemähtem Gras. Ein kurzer Blick auf die Wettervorhersage ließ uns stutzig werden: 17 °C und bewölkt bis 10 Uhr, dann leichter Regen bis mittags – und ab 13 Uhr 3 °C mit Gewittern. Mit einer hartnäckigen Mischung aus „Das ist doch nur ein Fehler in der App“ und „Selbst wenn es passiert, leben wir doch in der Zivilisation und kriegen das schon hin“ machten wir uns auf den Weg und legten die ersten Meter unseres Aufstiegs in Richtung Plitvice zurück. Zum ersten Mal seit unserer Einreise nach Kroatien fuhren wir auf einer richtigen Nebenstraße durch dichtes Buschland. Eine tiefe schwarze Wolke hing über dem Tal und schien schwer und bedrückend. Wir zogen unsere Regenjacken an und machten uns bei leichtem Nieselregen auf den Weg.

Weiter oben, wo die Bauernhöfe seltener wurden, übernam der dichte Wald des Nationalparks die Landschaft. Eine letzte Schafherde rannte vor unseren Rädern davon und verschwand in einem nahegelegenen Schuppen. Dann führte uns der Aufstieg in einen der grünsten Wälder, die ich seit Jahren gesehen habe – hohe, 20 Meter hohe Bäume säumten eine halb zugewachsene Asphaltstraße, die sich die Hügel hinaufschlängelte. Oben filterte ein Blätterdach das Licht und hielt den Regen ab. Es war sonst niemand hier. Der Geruch nach nassem Wald und Bärlauch war intensiv. Irgendwo dort draußen lebten etwa dreißig Braunbären. Beim Weiterfahren in den Wald hinein wurde die Straße immer schlechter. Unsere gemütliche Fahrt kam jäh zum Stillstand, als wir auf riesige umgestürzte Bäume stießen, die die Straße versperrten und keine Möglichkeit boten, sie zu umfahren. Wir fanden einen längeren Umweg entlang einer Reihe von Seen.
Ganz unten lag ein kleines Dorf – ein Überbleibsel aus besseren Zeiten; manche Häuser waren noch bewohnt, andere standen dunkel und leer da. Ein Vogel mit breiten Flügeln glitt durch die Baumkronen. Der Regen prasselte jetzt richtig nieder, die Temperaturen sanken innerhalb von Minuten. Wir suchten uns eine trockene Stelle, um unsere Regenhosen anzuziehen und die Elektronik zu verstauen. Sobald wir wieder auf die Hauptstraße abbogen, machte das Wetter deutlich, wer hier das Sagen hatte. Hagel und Regen, getrieben von Wind und rollendem Donner, prasselten auf uns nieder. Innerhalb von Sekunden waren wir klatschnass, unsere Hände rot und eiskalt. Wir radelten von einer Schutzhütte zur nächsten. Wir versuchten es sogar bei einem verlassenen Haus, das noch relativ neu aussah – verschlossen. Wir zitterten jetzt, das Gewitter kam immer näher, und wir fuhren so schnell wir konnten zu einem Restaurant, das wir in der Nähe sahen. Kalter Regen und Schneeflocken peitschten uns ins Gesicht, und unsere Finger konnten den Lenker kaum noch festhalten. BOOM. Ein Blitz schlug ganz in der Nähe ein.

Wir stolperten durch die Tür des Restaurants und zogen unsere nassen Klamotten aus. Sechs Männer in der Ecke starrten uns an. Draußen begann sich der Schnee zu legen. Der Kellner kam schließlich rüber und schaltete einen Heizstrahler ein. Er schien nicht besonders begeistert davon zu sein, zwei nasse Radfahrern zu bedienen, aber er brachte uns Burger und heißen Tee. Wir versuchten, unsere Socken unter dem Händetrockner am WC zu trocknen. Das ging nicht schnell. Da uns langsam die Optionen ausgingen, buchten wir einen direkten Intercity-Zug von diesem sehr ländlichen Dorf nach Split. Wir wären gerne noch weiter gefahren, aber wir waren nicht auf eine komplette Wintertour vorbereitet, vor allem nicht über mehrere Tage hinweg. Nach zwei Stunden waren wir die letzten Gäste im Diner. Wir bedankten uns bei der Kellnerin, die gerade alles außer unserem Tisch abräumte, und gingen wieder raus. Während wir uns durch den matschigen Schnee kämpften, brach die Abendsonne durch die Wolken und wir beobachteten, wie draußen Kinder eine Schneeballschlacht anfingen. Wir rollten die letzten Meter hinunter bis zum alten Bahnhof – wieder kalt, wieder alles nass. Im Dorf sah jedes zweite Haus verlassen aus: keine Fenster, verwilderte Terrassen, aber keines davon war mutwillig beschädigt. Dieses Dorf hatte schon bessere Zeiten gesehen.
Nach noch einer Tasse heißem Tee und dem üblichen Abfragen der Verspätungsmeldungen versuchen wir es mit der Hotline der Bahn – 40 Cent pro Minute. Die Frau am Telefon sagte mir, dass der Zug in zehn Minuten von Zagreb, seinem Ausgangspunkt, abfahren wird. Dann: „Ja, der Zug hat Verspätung. 4–5 Stunden. Wie viel genau? Ruf uns später noch mal an.“ Es vergingen noch mal zwei Stunden, und wieder sind wir die letzten Gäste im Bistro. Der unerschütterliche, fast schon sadistische Optimismus der Kellnerin – der erste wirklich herzliche Kontakt, den wir in Kroatien erlebt haben, blieb mir in Erinnerung. Wieder am Bahnhof, immer noch allein. Hinter einem alten Fensterladen tauchte ein Lichtschimmer auf. Wir klopften an. Nach einem Moment öffnete ein älterer Mann die Tür. Der Bahnhofsvorsteher. Sein Büro war ein Raum voller Erinnerungen – alte Zeitungsausschnitte, alte Telefone und ein Drucker, dessen Papierbahn hinter dem Schreibtisch in einen Pappkarton hinunterhing. Und natürlich die berühmte rote Vorstehermütze. In der Ecke surrte leise ein Computer mit Windows 98.

Wir fragten nach dem Zug. Er schaut auf die Uhr, dann zu uns, nahm den alten Hörer und wählte. Ein paar Worte, dann: „So etwa 45 Minuten.“ Wir waren erleichtert. Eine unangenehme halbe Stunde verging. Wir saßen in einer Ecke und unterhielten uns auf Deutsch. Er saß an seinem Schreibtisch, während aus dem Nebenzimmer ein kroatischer Fernsehsender dröhnte. Alle paar Minuten läuteten die fünf Glocken an der Wand – ein Anruf. Irgendwann holte er sein Handy raus und scrollte durch Instagram. Eine Seele aus einem anderen Jahrhundert, die in der heutigen Zeit gestrandet war. „Der Zug kommt.“ Er setzte seinen roten Hut auf, schnappte sich seine Taschenlampe und ging auf den Bahnsteig hinaus. Wir hörten den Dieselmotor, noch bevor wir ihn sahen – er hämmert scheinbar minutenlang durch das kroatische Hinterland. Dann war es soweit: Eine alte Lokomotive brauste vorbei, die von dem niedrigen Bahnsteig aus unglaublich hoch wirkte, und kam mit quietschenden Bremsen direkt vor dem Licht des Bahnhofsvorstehers zum Stehen.

Wir suchten hastig nach dem Fahrradwaggon des Zuges. Eine kräftige Frau fragte, wohin wir wollten. „Split.“ Mit Hilfe eines anderen Fahrgastes hievten wir unsere Fahrräder durch die ein Meter breite Lücke in den Waggon. Irgendwie schafften wir es. Die alte Lokomotive sprang wieder an und zog drei Waggons durch die Dunkelheit. Zuerst blieben wir in der Nähe der Fahrräder. Alle paar Minuten kam jemand rüber, um zu rauchen – anscheinend war dieser Waggon der ausgewiesene Raucherbereich, trotz der Verbotsschilder, und die große Frau – die sich als Zugchefin herausstellte – schien nichts dagegen zu haben. Nach ein paar Zwischenstopps, darunter eine dreißigminütige Pause für eine Rauchpause des Schaffners, war uns klar, dass wir uns um niemanden Sorgen machen mussten. Der Zug war eine kleine Welt für sich. Wir machten es uns in einem der alten Abteile gemütlich und schlossen die Augen. Draußen zog die dunkle Landschaft vorbei – Windparks, kleine Dörfer an den Hängen, das rhythmische Schaukeln der Gleise und das Hupen, das durch die Nacht hallte. Ich wachte auf und sah einen großen Kopf, der in der dunklen Türöffnung auftauchte. „Split Predgrade – sie steigen hier aus.“ Eine direkte Ansage. Über die Lautsprecher war keine Durchsage zu hören. Sie wusste einfach das Reiseziel jedes einzelnen Fahrgastes im ganzen Zug auswendig. Um 2 Uhr morgens stiegen wir auf den kalten Bahnsteig hinunter. Wir legten die letzten paar Kilometer in die Innenstadt zurück und erreichten unsere Wohnung.
Wir waren wieder in der Zukunft angekommen. Diese Reise war ein echtes Auf und Ab. Wir sind mit großen Hoffnungen gestartet und haben die Radetappe mit einigen echten Herausforderungen beendet. In dem Moment, als wir litten, fluchten wir und kämpften wir. Und in solchen Momenten wird dir selten bewusst, wie lustig und banal sie dir später vorkommen werden. Was wäre eine Bikepacking-Tour schon ohne etwas Außergewöhnliches? Beim Bikepacking gerätst du in die wildesten Situationen – und kommst den Menschen und der Kultur näher, als du oft erwartest. Der Unterschied zwischen dem hier und einem All-inclusive-Resort, einer im Voraus gebuchten Tour oder einem Gruppenreise-Paket könnte nicht größer sein. Wir kamen mit der Erwartung, das Kroatien von Instagram vorzufinden: türkisfarbene Buchten, Fünf-Sterne-Hotels, schnelles WLAN. Nicht, dass wir irgendetwas davon gewollt hätten – aber unsere Erwartungen haben unsere Wahrnehmung trotzdem geprägt. Wir leben in einer Zeit, in der soziale Medien und Reisemagazine einem weismachen können, dass eine Handvoll Bilder ein ganzes Land repräsentieren. Manchmal stimmt das. Oft ist das nicht der Fall – und der einzige Weg, das herauszufinden, ist, einfach hinzugehen. Du kannst der Realität nicht entkommen, wenn du sie lebst. Beim Bikepacking erlebt man das ganze Spektrum: das Leiden, das Absurde, das Schöne, das wirklich Lustige. Und hinterher gibt es immer, immer eine Geschichte zu erzählen.

Instagram: @lucajaenichen